Kulturkritische Enzyklopädie

von Wolfram Pfreundschuh (2003)

"Das erste Opfer einer totalitären Herrschaft ist immer die Sprache. Die Sprache wird ihres Inhalts entleert, und mit Ideologie neu aufgefüllt. Das Ziel ist, Menschen zu stigmatisieren, politische Gegner zu identifizieren und mit abwertender Sprache auszugrenzen, um sie zu bekämpfen." (Karina Sainz Borgo, "Nacht in Carracas")

Sprache ist das älteste Kulturgut der Menschen, das praktische Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Beziehungen. Wo sie aber im Schatten von Tatsachen nurmehr über Tatsächliches informiert, wo sie sich im Selbstverständnis von Selbstverständlichkeiten zum bloßen Medium von Selbstbezüglichkeiten entwickelt, da wird ihre Vermittlung zum Ereignis einer übermächtigen Einfältigkeit (siehe hierzu tote Wahrnehmung), zur Selbstdarstellung von Vorstellungen, Bildern und Gefühlen der Selbstwahrnehmung. Darin wird Wahrnehmung auf ihren selbstbezüglichen Nutzen, auf eine Kommunikation von Information und selbstgerechten Verbindlichkeiten von allseitig verbürgten Lebenspflichtigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft reduziert und dadurch die Grundlagen der gesellschaftlichen Geschichte, die Potenziale der Selbstveränderung der Menschen aufgelöst.

Wo Sprache ihre Wahrheit nicht kennt, bleibt sie ohne Wissen. Und Ungewissheit mach Angst, wo sie sich behaupten und durchsetzen kann, sich in allen Formationen der Selbstwahrnehmung zur blanken Lebensangst verfestigt. Denn Masse wird mächtig, wenn sie sich durch ihre Form vermittelt, ihren Schrecken vereinseitigt und so das Einfältige prominent macht, weil ihre Freiheit zur Gefahr wird, wenn sie beliebig wird, sich ihr Widerspruch in Wohlgefälligkeiten auflöst, ihre Gefährdung nicht mehr erkennbar ist. Durch die Abwesenheit seines Wesens verdoppelt sich dieses zu einer bloße Form, wird unerkennbar und verkannt, zur Formation nichtiger Interessen, zur Macht einer allgemeinen Abstraktion (siehe Abstraktionskraft).

Wo, wenn, weil und solange Sprachlosigkeit herrscht wird darüber denken unmöglich (siehe hierzu Positivismus). Doch auch Sprachlosigkeit lässt sich an ihren Begriffen beweisen, weil sie in sich selbst schon ihren Widersinn darstellen, weil sie sich in sich tautologisch begründen, ihre Aussagen zugleich als Grund für sich behauptet und in ihrer sprachlichen Interpretation ihren wirklichen Sinn abtötet. Solche Begrifflichkeit dreht sich im Kreis unsinniger Worte, die ihre Abstraktion durch ihre unendliche Selbsterweisung verewigen. Wer ihnen auf ihren wirklichen Grund geht, wird die Bemühung einer Beschreibung unsinniger Verhältnisse entdecken, die über die Abwesenheit ihres Wesens, über ihre Nichtigkeit hinwegtäuschen sollen. So hatte schon der Begründer einer kritischen Philosophie (siehe kritische Theorie), Karl Marx, den Begriff des Tauschwerts entzaubert, der als "contradictio in adjecto." (MEW Bd. 23, S. 50) sein grundlegendes Verhältnis, den Warentausch, schon voraussetzt, das er erst begründen will, das seinen Wert durch beliebige Relationen darstellen soll, die lediglich davon künden, was nicht wirklich wahr sein kann. Es ist lediglich der politische Wille des Privateigentums, der sich darin verfestigen soll (siehe hierzu "Krtik der politischen Ökonomie""). So offenbaren auch die Begriffe der Kulturkritik ihren Widersinn, weil sie sich aus einem bloßen Dazwischensein in zwischenmenschlichen Verhältnissen bestimmt wissen wollen.

Die Enzyklopädie einer kulturkritischen Begrifflichkeit schien mir nötig, nachdem ich in den 1980er Jahren festgestellt hatte, dass die Sprache der Kulturkritik fast vollständig zerstört und unkommunizierbar geworden war. Wenn Sprache Sinn formulieren, praktisches Bewusstsein sein soll, so können Worte nicht bloße Interpretation bleiben. Sie müssen aus ihrem praktischen Sein heraus an ihren Sinnbezug erinnert und hierin erläutert werden. Die Sprache verhilft schon durch ihre ganze Entwicklung und Tiefsinnigkeit selbst über die Zeit modischer Effekte, Reize und Ereignisse, denn sie kommuniziert ein umfassenderes Wissen, als es der bloße Augenblick erfordert, und bewährt sich nur, wo sie wirkliches Sein auspricht und formuliert. Auch Philosophie lässt sich als Sprachtheorie begreifen, die ihren Hintersinn als ihre Weisheit, aber auch als ihre Koketterie offenlegt. Von da her treffen sich viele "Disziplinen" des Denkens, die es entweder zu einem Verstand bringen oder zu einer Disziplinierung seiner Freiheiten. Aber in der Reflexion durch Sprache können sie sich als seiendes Wissen im bewussten Sein zusammenfinden. So werden auch Gepflogenheiten eitler Gedanken auf ein Bewusstsein rückführbar, wo es sich selbst entfremdet hat, und aus seiner Selbstentfremdung nach Gewissheit sucht, die es nur in seiner Wirklichkeit finden kann.

Sprache ist praktisches Bewusstsein. Sprachlosigkeit entsteht, wo Wissen fehlt, wo es ungewiss ist oder wo damit über Verhältnisse hinweg getäuscht wird, in denen alles, was auch so schon abstrakt genug ist, selbst schon vertauscht erscheint und durch Sprache nur idealisisert wird. Abstraktes Bewusstsein ist Ideologie, die abstrakte Wirklichkeit gedanklich verdoppelt und abschließt, durch Gedankenabstraktionen gegen Kritik verschließt und als ein identitäres Denken den Menschen den Blick auf das verwehrt, was ihre Verhältnisse wirklich für sie sind, auch wenn sie sich in der Vermittlung ihrer Realabstraktionen gegen sie verkehrt hat. Durch Idealisierungen soll ihr Denken ihrem Sein enthoben, mystifiziert und durch bloß Glücksversprechen mit Mythologien verfüllt werden, die Auswege als Glaubensbotschaften und Heilserwartungen schüren, in denen sie nicht nur praktisch, sondern auch geistig aufgelöst sind, zu einer heilen Welt zergehen, deren Unheil sie schließlich nur noch "wie aus heiterem Himmel" überfallen wird. Ideologie zerstört den Begriff von einer Sache oder einem Verhältnis und damit auch Sprache überhaupt, indem sie dessen Wirklichkeit durch ihre Verallgemeinerungen nichtig macht.

Wer an Sprache arbeitet, arbeitet auch mit ihr und wird in der Aufbereitung übernommener Begriffe nicht davon absehen können, wie er sie versteht. Worte implizieren Wissen und dieses kann offensichtlich gar nicht ohne Begrifflichkeit, ohne Theorie vermittelt werden. Das praktische Bewusstsein gibt es nicht für sich als "einfache Wahrheit"! Wer an ihm arbeitet wird unmittelbar selbst zum Theoretiker alleine schon dadurch, dass er es befragt, sich Gedanken um seine Wahrheit und seine Täuschungen macht und diese hieraus zum Gegenstand seiner Erkenntnis werden, ihn kritisch werden lassen. Somit geriet natürlich vieles in meiner Auffassung der Begriffe zu einer Darstelllung meiner eigenen theoretischen Arbeiten, zu einer eigenständigen Enzyklopädie. Das Kulturkritische Lexikon hat in diesem Fortschreiten nach den ersten Ausarbeitungen schnell einen Umfang erreicht, der nicht mehr einzudämmen war. Jede Hinterfragung eines Begriffs erläuterte zugleich einen anderen, von dem er sich abwandte. Es war, also ob die Worte im vereinzelten Dasein einer Sprache, die keine Begriffe zu kennen scheint, sich sehr bald zu den Gedanken einfinden, die sie längst enthalten - und dass sie sich hierdurch wie von selbst zu etwas Ganzem zusammenführen als Module eines Denkens, das sich aus dem Verschüttetenden als etwas ganz Neues herausarbeitet, ihre Gesellschaftlichkeit wieder-ent-deckt, die sich ihrer willkürlichen Verwendung schon wie von selbst entgegenstellt. So zeigt sich, dass Sprache nicht bloße Mitteilung oder Information, sondern selbst schon politisch, ein Medium der Politik ist. So enthalten Worte schon bestimmte Auffassungen, Fassungen von Gedanken aus vielen Jahrhunderten und haben hierdurch eine lange praktische Bewährung hinter sich. Die Ideologien der Zeit aber sind modisch und vergänglich. Das merkt man der Sprache an und kann es aufeinander beziehen und durch ihren Sinn deuten, weil ihre Bedeutungen auf das hinweisen, wovon die Sprache selbst oft nur eine politische Form ihrer Bedingtheit darstellt so dass sie auch das Material gesellschaftlicher Kenntnisse und Erkenntnisse bereitstellt, die den alten Traum von der guten Gesellschaft, ihre konkrete Utopie formulieren und mit einem aufgeweckten, einem hierdurch reformierten gesellschaftlichen Bewusstsein revolutionieren und die Erneuerung ihrer gesellschaftlichen Form politisch vorantreiben kann:

"Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr eigenes Bewußtsein innewerden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, daß man ihre eigenen Aktionen ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem bestehn.... als daß die religiösen und politischen Fragen in die selbstbewußte menschliche Form gebracht werden. Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf." (Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 346)

Die Sprache offenbahrt wie von selbst ihre Dialektik, sobald man sie politisch auf ihren Gehalt bezieht und reflektiert (siehe hierzu auch Politik). Ohne Bewusstsein verwendet bietet sie aber auch die Möglichkeit, mit Worten bestimmte Zusammenhänge zu verschleiern. Zugleich zeigt sich in der Zerstörtheit der Sprache, dass an ihr selbst auch gearbeitet werden muss, dass es vielleicht gar keine andere Art der Wissenserarbeitung und -vermittlung gibt, als das Durchdenken der sprachlich vorhandenen Begriffe (und die Aufstellung ihrer logischen Folge) im Zusammensein mit den Fakten des gegenwärtigen Lebens (z.B. auch Statistik). Das Lexikon ist in dieser Reflexion selbst zu einer Sprachanalyse, zu einem Kompendium von Wissensbereichen und zu einer eigenen Form von Kritik und Theorie geworden, die sich hier nun auch in ihrer Vermittlung selbst verstehen lassen will - und zwar im doppelten Sinn als Mitteilung und unmittelbare Anwendung: Zum einen als Information aus den Archiven (vergl. Zitate, Quellen, Erläuterungen, Statistik usw.) und zum anderen im Begreifen der Begriffe in ihrem gedanklichen Zusammenhang als Theorie, die sich dem informellen Gehalt zuwendet und sich selbst darin anschaulich macht, also konkret wird. Es ist dies vielleicht eine neue Art der Theorieentwicklung und -vermittlung, die allerdings nicht ohne ausdrücklich theoretische Zusammenstellung bleiben darf (siehe hierzu die Dialektische Systematik).

Neu ist somit auch die Technik der Vermittlung: Die einfache (horizontale) Verweisung der Begriffe und also unmittelbare Darstellung wird in ihrer schier unendlichen Verflochtenheit begreifbar, welche ihre wesntlichen Grundlagen wie von selbst entflechtet. die als Bewusstsein zu den gegenwärtigen Lebensverhältnissen in sie eingeht - online und transparent für alle, die mit etwas Geduld dem Vollzug folgen wollen. Es beweist sich zugleich durch diese "neue Technik" auch alte Wahrheit, dass sie nämlich nur das Ganze selbst sein könne (Hegel): Was in der Begriffsverlinkung im Lexikon sprachlich nicht funktioniert, das ist auch noch nicht zu Ende gedacht. Wohl denn. Auf zu einer neuen, einer technisch gestützten Beweisführung!

Es wird noch viel hieran zu arbeiten sein. Der große Zuspruch zu dieser Arbeit aber hat mich sehr gefreut und bestätigt mich schon jetzt darin, sie fortzusetzen. Ich bitte um Nachsicht bei der Lektüre: Meist ist der Text nur die erste, oft flüchtig in den Morgenstunden vor Beginn der Arbeit geschriebene Fassung, die manchmal nur Grundzüge des Gemeinten enthält und noch öfter überarbeitet werden muss. Aber das Lexikon lebt und wird von Tag zu Tag reifer. Ich hoffe, dass so auch ein Beitrag zur Rekonstruktion des theoretischen und praktischen Wissens der linken Bewegunngen geboten werden kann.

Wolfram Pfreundschuh (September 2003)

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