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30. Einleitung in die Ästhetik der Kulturverbindlichkeiten (Die objektive Subjektivität eingehegter Selbstlwahrnehmungen)

In den realwirtschaftlich bestimmten Lebensverhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft herrschte eine Existenzangst vor, wie sie aus der Verwertung der sachlichen Konkurrenzen in den Verhältnissen des Warentauschs (siehe auch Lohnarbeit) ergeht. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts war aus den Verhältnissen der globalen Existenzverwertung ein Kampf um die nationale Existenz einer fiktiven Geldverwertung (siehe fiktives Kapital) hinzu getreten, die sich in den Antrieben einer allgemeinen Lebensangst in den zwischenmenschlichen Beziehungen der Bürger darstellt (siehe hierzu auch Scheinwelt). Was nämlich die Verhältnisse der Menschen auf den Kopf gestellt, - eben verkehrt - hatte, wird hier zur Pervertierung aller gesellschaftlichen Lebensverhältnisse, in denen sich verkehrtes Leben als lebendige Perversion der kulturellen Beziehungen der Menschen durchsetzt. Dieses steht allerdings nicht einem "richtigen Leben" gegenüber (siehe Adorno): Es ist das wirkliche Leben in einer subjektiv verkehrten Form. Die Lebensäußerungen, die den Menschen nötig und willens sind, gerieten zu einem Machtverhältnis ihrer Kulturen, die sich der sinnlichen Gewissheit der Empfindungen ihres Lebens entfremdet haben. Was ihre Lebenskunst war ist zu einem Machtmittel ihrer Befriedung geworden.

So schließt sich darin daher auch unsere Kritik der politischen Kultur ab: War bisher nur von den Beziehungen der Menschen in zwischenmenschlichen Verhältnissen die Rede, so geht es nun um die Beziehungen der Wahrnehmung in ihnen und durch sie selbst, um ihre wirklich abstrakte Zwischenmenschlichkeit, wie sie aus ihrer Selbstwahrnehmung schon begründet war und nun als ihr wirklich gesellschaftliches Verhältnis wahr wird. Abstrakt menschlich war ja schon ihr wirtschaftlicher Lebenszusammenhang durch den Warentausch bestimmt, wie er sich im Kaufmittel Geld als Subjekt der wirtschaftlichen Verhältnisse entwickelt hatte. Nun entwickeln sich die Zwischenmenschen selbst zu einem Gesellschaftsformat des Kaufmittels, zu einer wirklich abstrakt menschlichen Gesellschaft, wie sie in den Persönlichkeiten der zwischenmenschlichen Verhältnisse längst angelegt war und sich nun selbst in ein gesellschaftliches Verhältnis der privaten Persönlichkeiten setzt.

In den Verrückheiten der Selbstvergegenwärtigungen (siehe Buch 2. "Die Kultur des Kapitals II: Die Selbstvergegenwärtigung") hat sich eine Krise der symbiotischen Selbstbehauptung in den zwischenmenschlichen Verhältnissen aufgetan, die nun selbst einen wirklich abstrakten Körper einer gesellschaftlichen Zwischenmenschlichkeit als Ganzes darstellen, der sich nun auch in seiner beschränkten Wirklichkeit wie ein Glaube an das Ganze seiner Beziehungen verhält, daher zunächst wie eine Religion der Zwischenmenschlichkeit funktioniert - in der Tat die Kulturgestalt eines verkehrten Weltbewusstsein einer Religion wirksam ist, wie eine "allgemene Theorie dieser Welt, wie ihr enzyklopädische Kompendium, ihre Logik in populärer Form" (siehe auch Populismus) sich nun auch wirklich, also sich mit der und durch die sinnlche Wirkkraft ihrer abstrakt menschlichen Sinne verhält.

Die Verhältnisse verbürgter Selbstwahrnehmungen, das Leben in den Lebensburgen, haben vor allem die Gegenwärtigkeit eigener Sinne aufgehoben und deren Körperform selbst vergegenständlicht. Sie äußern sich nicht mehr zur Verwirklichung und Erhaltung eigener Selbstwertigkeit. Sie reproduzieren jetzt Sinn durch sich im Verhältnis der Selbstwahrnehmungen, nutzen sie, um sich für sich zu erhalten und zu vermehren. Von daher wird Kultur jetzt durch ihre Selbstlosigkeit politisch erhalten, gehalten und angehalten, zum einen durch ihre Sitten, zum anderen durch ihre Erlebnisproduktion und schließlich durch ihre bürgerliche Gemeinform, dem bürgerlichen Staat. Nicht mehr die Selbstwahrnehmung vergesellschaftet ihre Elemente; die Elemente werden nun durch ihre Wahrnehmungstätigkeit selbst zum politischen Halt, zur Gesinnung der allgemein privaten Zwischenmenschlichkeit.

Wahrnehmung ist die Elementarform der politischen Kultur. Sie lebt durch die Erneuerung eigener Wahrheit, durch die Empfindung der Lebensäußerungen von Mensch und Natur. Sie setzt die gesellschaftliche Lebensproduktion voraus, die ihre Wahrheit in der Aneignung ihrer Gegenstände erfährt. Wahrnehmung lebt also mit der Produktion des Lebens, mit der Sinnbildung der Natur überhaupt, mit der Subjektivität seines objektiven Seins, wie es sich in seinem geschichtlich gewordenn Dasein verwirklicht hat. Im Lebensraum der auf sich selbst reduzierten Kultur zwischenmenschlicher Verhältnisse werden sich die Menschen selbst Gegenstand ihrer Wahrheit, damit zu einem zwiespätigen Dasein ihres gesellschaftlichen Lebens, das im Dazwischensein, in der Trennung zwischen Subjektivität und Objektivität ihrer Lebensäußerungen durch die Vereinseitigung ihrer Kultur sich in unendlich vielen Vereinzelungen mitteilt, die ihre gegenständliche Wahrheit durch die wechselseitige Einverleibungen zwischenmenschlicher Beziehungen austauscht und von daher zu einer Blase ihrer Gewohnheiten, zu einem Echoraum der Täuschungen sich selbst verwirklichender Gefühle wird, die aus einer Kultur der Selbstverwertung sich zu einer Kultur der Selbstvergegenwärtigung entwickelt, woraus sich schließlich eine zwischenmenschliche Gesellschaft bildet, in der die Menschen selbst zum Material ihrer gewöhnlichen Wahrnehmung geworden sind (siehe Systematik der politischen Kultur), sich selbst Gegenstand einer Wahrnehmung sind, die sich für sie gesellschaftlich vergegenständlicht hat, zu ihrer gesellschaftlichen Gewohnheit geworden ist (siehe hierzu auch Menschenpark).

Für die zwischenmenschlichen Verhältnisse war die Kultur des Kapitals bisher eine ausschließliche Leidensform, indem sie zunächst (im ersten Band) für das Zwischenmenschliche sich als nutzbar erwiesen hatte, indem sie die Isolation der Wahrnehmung durch Selbstgefühle bereicherte, die somit auch in diesem Sinne zu nutzen waren, um dann (im zweiten Band) Beziehungswelten zu bilden, worin sich Menschen in der Geborgenheit ihrer Lebensräume leiden konnten und ihr Leiden zu tragen verstanden, indem sie in ihrer Selbstbehauptung verschmolzen - schließich aber an ihrer symbiotischen Selbstbehauptung verrückt wurden, weil sie darin ihren Sinn für sich, die Grundlage ihrer Selbsterkenntnis, und also auch ihrer Selbstachtung verlieren mussten.

Nun müssen sie das Mittel und Maß des Überlebens in einer Welt finden, die für die Menschen keinen wirklichen Sinn mehr hat und worin sie daher ihren Sinn durch bloßes Verallgemeinern ihres Selbsterlebens finden, ihn praktisch als ihr abstraktes Lebensbündnis für sich und andere, für eine abstrakte Gemeinschaft "erfinden" und ihn durch ihre Selbstlosgkeit zur Kulturmacht ihrer selbst errichten. Hier haben sie ihre Kultur dann so objektiv, dass ihnen darin ihr im Grunde sinnlos gewordenes Sein selbst als ihr allgemeines, weil allen gemeines Dasein erscheint, ihre isolierten Befindlichkeiten ais ausschließlicher Befund erfasst wird und ihre bloße Kommunikation, ihre Sprache selbst schon zu einem wesentlichen Sinn der zwischenmenschlichen Beziehungen wird, sodass sich die Menschen als allgemeine Persönlichkeiten ihrer Kultur gelten, die ihren Sinn durch ihre Person nun auch schon wirklich für sich finden und empfinden und sich darin auch begründet verstehen können.

Was im zweiten Band noch durch die Vergegenwärtigung von Gefühlen in den Empfindungen verwirklicht worden war, geht nun in der Selbstlosigkeit eines allgemeinen Selbstgefühls durch die Nichtung der Empfindungen auf, die hierbei verrückt geworden waren. In der einfachen Selbstwahrnehmung hatten die Menschen sich zunächst vor allem zu sich als Träger eigener Wirklichkeit im Prozess ihrer Selbstverwirklichung zueinander verhalten (siehe erstes Buch) und sich schießlich selbst an ihrer persönlichen Wirkung auf einander beseelt und in ihrem Narzissmus veredelt. Der Sinn ihrer Selbstveredelung war jedoch in seiner Selbstbezogenheit nur durch die narzisstischen Persönlichkeiten erhalten und blieb durch sie nur relativ, nur durch deren persönliches Verhältnis zueinander existent. So mussten sie unentwegt ihren Sinn wechseln, um Gegenstand ihrer Selbstwahrnehmung zu bleiben, um sich gegenseitig einen Sinn für ihr Leben einzuverleiben, um außer sich hierfür Sinn für sich finden und empfinden zu können. Erst in der abgeschlossenen Lebenswelt der Persönlichkeiten, in ihren Lebensburgen, kamen sie wirklich zu sich (siehe zweites Buch), wurden aber dadurch pflichtschuldig, so zu sein, wie sie füreinander sein müssen, um miteinander in ihrer und durch ihre Selbstbezogenheit auskommen zu können, um ihr Leben in ihrer wechselseitigen Verpflichtung einer familiären Leiblichkeit durch eine erzieherischen Beziehung, durch die Einverleibung ihrer darin objektiven gewordenen Natur zu gestalten.

Im Widerspruch ihrer darin notwendigen symbiotischen Selbstbehauptung mussten sie sich einem objektiven Gefühl unterwerfen, welches die Psyche zum Wahnsinn, zum reinen Selbstgefühl in reiner Empfindungslosigeit getrieben hatte. In dessen Ausgeschlossenheit, im ausschließlichen Sinn für sich, in der Einsamkeit des Wahnsinns, in der absoluten Isolation der Selbstwahrnehmung, waren die zwischenmenschlichen Beziehungen gegen die betroffenen Menschen selbst verkehrt worden und deren ausschließliche Frage zur Wahrheitsfrage zwischenmenschlicher Selbstwahrnehmung schlechthin geworden. Die verrückte Wahrnehmung war selbstlos geworden und findet nun ihre Wahrheit nurmehr außer sich: Im äußeren Verhältnis der Sinne. Von daher entrückt sich die Wahrnehmung nun vollständig von ihrem Subjekt und bestimmt dieses durch sinnliche Objektivität, welche die Menschen nicht mehr durch sich, sondern nur durch Selbsttäuschung über ihre gesellschaftliche Wirklichkeit, durch das gemeine Vermögen ihrer vergemeinschaften Selbstgefühle, durch die Gemeinschaft einer hieraus gebildeten Gefühlsmasse mit ihr entsprechenden Gesinnung auf sich beziehen können.

Es geht nun daher darum, die in dieser vergemeinschafteten heilen Welt als Heil ihrer Gemeinschaft existenziell gewordene Wahrheitsfrage der Selbstwahrnehmung durch Selbstbehauptung aus ihrem Zweifel heraus zu lösen, sie dadurch aufzuheben, dass sie sich in den vielfältigen Prozessen der Selbstveredelung verflüchtigt. Doch gerade diese befördert das Gegenteil von dem, was sie sein soll: Eine Selbstbeziehung kann nicht wirklich durch Selbstbehauptung bestehen, weil diese ein nicht vorhandenes Selbst nur behauptet und dies nur kann, solange es in Wirklichkeit auch nicht da ist, also nur das Medium einer Heilserwartung sein kann.

Nicht von Ungefähr setzen hierauf alle rechte Philosophien das an, worin sich das Sein selbst schon unmittelbar als Bewusstsein formulieren lassen soll, um schließlich hieraus Forderungen an ein anderes Bewusstsein als eine allgemeine Gesinnung zu erwachsen, die aus der Veränderung des Bewusstseins bruchlos eine Veränderung der Welt beziehen wollen. So entsteht Art und Abart als fundamentaler Gegensatz, wie er schon in der Fundamentalontologie bei Martin Heidegger zwischenden dem Seienden und seinem Wesen als ewige Existenznotwendigkeit der "Existenzialien" zu verstehen ist, die nur in lichter Erkentnis aufgehen könne. Der Weg dahin erscheint daher leicht gängig, auch wenn damit die tiefsten Abgründe überwunden werden, denn in solchen Allgemeinheiten sind die isolierten Einzelheiten nicht wirrklich aufgehoben. Im Gegenteil: je unergründlicher Ihr Zusammenhang, desto tiefer und grasser und mächtiger werden die Selbstbezogenheiten, die sich nun selbst schon im Einzelnen allgemein verstehen können. Hier finden sie endlich die Dichte und Masse, in der sie zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Macht werden.

Wir hatten schon im ersten Band dieser Kritik der politischen Ästhetik die Selbstbeziehungen der Selbstwertigkeiten als Entstehungsprozess einer persönlichen Selbstverwirklichung durch Selbstverwertung untersucht, einer Subjektivität, die zwar aus sich heraus geht, aber nur als in sich gespaltener Charakter ein Ganzes bildet, als bürgerliche Persönlichkeit in ihrer Selbstveredelung zu sich kommt, die sich nurmehr in ihrer Egozentrik bestärken kann.

Im zweiten Band war deren objektives Fürsichsein, die Selbstgeborgenheit der Liebesbeziehung mit ihren Lebenssräumen und Wahrnehmungszuständen Gegenstand der Untersuchung. Die Selbstwahrnehmung war in den zwischenmenschlichen Beziehungen durch ihre eingeschlossene Ausschließlichkeit als objektives Selbstgefühl doppelsinnig bestimmend geworden, das sich nicht mehr für sich, sondern nur in den Verhältnissen und Lebensräumen symbiotischer Selbstbehauptung bewahrheiten kann, wodurch es im Wahrnehmungsprozess verrückt geworden ist.

An den Selbstverrückungen ihrer Gefühle haben die Menschen dort noch wirklich gelitten. Was sich in der Verrücktheit noch in seiner Wirkung und Wirklichkeit verkehrt hatte, war ein wirklich verkehrter Sinn geworden, in welchem sich die äußerste Isolation des Menschen vom Menschen ausgedrückt hat. Diese Isolation verkehrter Sinne stellt daher auch das äußerste Verlangen des Menschen nach dem Menschen dar: die innerste Sehnsucht nach dem Menschsein als das Wahngebilde seiner zwischenmenschlichen Beziehung. Diese aber hatte alle zwischenmenschliche Wirklichkeit ausgeschlossen und einen Lebensraum des Selbstgefühls gegründet, dem die Selbstwahrnehmung unterworfen war. Eigene Wirklichkeit war darin verschwunden, dass die Objektivität des Selbstgefühls sie ausgeschlossen und ihres Sinnes beraubt hatte. Im beständigen Kampf um ihre Wahrheit war sie in einen Zirkel geraten, weil sie nur Sinn finden konnte, wo sie wirklich entsinnlicht wurde. Jetzt müssen sich die Menschen in einer Selbstlosgkeit gewinnen, um noch subjektiv sein zu können. Es muss also die Selbstbezogenheit als solche objektiv werden, damit sie aus ihrer Selbstwahrnehmung, aus ihrem subjektiven Zirkel heraustreten können.

Die Selbstwahrnehmung befreit sich nun in diesem Band hiervon, indem sie wirklich selbstlos wird, eine Wirklichkeit findet, in der sie nicht selbst sein muss, was sie bewirkt, und sich doch in dem verwirklicht findet, was sie wahrhat. Es treibt sie also jetzt zu einer Selbstverwirklichung außer sich, zur Verwirklichung einer selbstbezogenen Allgemeinheit, in der sich der einzelne Mensch in seinem kulturellen Verlangen an eine kulturelle Allgemeinheit übergibt, in der er ausgeschlossen ist, aber zugleich in diesem Ausschluss sich als ein veräußertes Allgemeinwesen gewinnt. Darin findet er aber nicht sich, seine Selbstachtung verwirklicht, sondern den objektiv gewordenen Selbstwert, das Produkt seiner Selbstverwirklichung, seiner Selbstverwertung, das ihm nun verächtlich gegenübertritt. Er findet sich schließlich in einer allgemein entäußerten Wahrheit wieder, die sich als Sitte darstellt, worin er aber sein kann, wenn er zugleich über sich selbst hinweggeht, für sich selbstlos wird und also seine Selbsttäuschung totalisiert, nur um in dieser Kultur zu verbleiben, nur um von der Gesellschaft, die ihm in Wahrheit fremd geblieben ist, nicht enttäuscht zu werden. Diese Form der Selbstlosigkeit ist das Thema des dritten Bandes dieser Kritik der politischen Ästhetik.

Doch dieser Ausgang erscheint erst mal nur absurd: Ein Mensch kann nicht ohne sich selbst sein. Das ist trivial. Was aber kann dann Selbstlosigkeit meinen, wie kann sie überhaupt kulturell wirksam werden, wo doch die ganze bürgerliche Kultur auf Selbstbezogenheiten gründet? Das setzt ein Selbst voraus, das sich zugleich ausschließen kann. Eigentlich ein Widersinn. Doch der Widersinn hat Methode. Er ist nicht einfach eine der vielen Ideologien, sondern ein Verhältnis, worin die Selbstverleugung allgemein tätig ist.

Selbstlosigkeit wäre ohne dies eine Gedankenabstraktion, ein bloßes Ideal der Selbstveredelung (siehe auch Idealismus). Ein "Selbst" oder auch "Ich" gibt es zwar als Abstraktion aus den zwischenmenschlichen Verhältnissen der Privatpersonen, als ihr abstrakt Allgemeines, in Wahrheit aber nicht als ein Wesen des Menschen überhaupt. Doch mit der Tätigkeit in einer zwischenmenschlichen Beziehung wird es ausschließlich durch Selbstverleugung, zu einem für sich tatsächlich ausschließliches Selbst, das Medium einer Selbsttäuschung. Sie gründet auf der Ausgeschlossenheit, der Abwesenheit einer über die Wahrnehmung erhabenen Selbstbeziehung, die nichts anderes hinterlassen kann als eine Selbstlosigkeit, als eine Wahrnehmungsform, die sich durch Altruismus auszeichnet.

Es geht hier um eine gesellschaftliche Form kultivierter Wahrheiten, die den einzelnen Menschen enttäuschen müssen, wenn er sich ihnen überantwortet, und die ihn schon täuschen, bevor er sie überhaupt für sich geltend machen kann. Es geht ihm ja auch lediglich um eine Form des Ganzen dieser Kultur, worin er zumindest seine zwischenmenschlichen Verhältnisse und sich in diesen erhalten kann, ganz gleich, was sie für ihn ist.

Um auf sich zurück zu kommmen, kehrt sich also jetzt die Sinnfrage zu einer Frage des Überlebens in selbstbeschränkten zwischenmenschlichen Verhältnissen um. Die Sinne selbst werden nun allgemein in ihrer Vereinzelung, Sie werden für die Wahrnehmung selbst unmittelbar objektiv und vermitteln die Menschen als sinnliche Objekte, die tatsächlich voneinander abgerückt und nur deshalb nicht mehr selbst verrückt sind.

In solcher Entrückung wird in der Selbstwahrnehmung jetzt eine Logik entfaltet, die zugleich auch als Frage nach einer notwendigen Vernunft des ganzen Kulturverhältnisses darstellt: Die Verkehrung der sinnlichen Beziehungen zur reinen Beziehung der Sinne muss einen objektiven Sinn machen, der in sich verkehrt ist, der nur durch Selbsttäuschung sein kann: Aus der Haltung gegen verkehrten Sinn entsteht die Wirklichkeit eines Sinns, der sich durch sich gewinnt und zugleich von einem Leben in einem ganzen Kulturverhältnis zehrt, in welchem er fortwährend aufgehoben und zugleich erneuert wird. Er muss sich als Sinn entfalten, der vom Lebenszusammenhang der Menschen selbst abgetrennt und doch lebensbestimmend ist.

Jetzt geht es um eine Subjektivität, die nicht mehr wirklich verrückt ist, die aber durch die Überwindung zwischenmenschlicher Verrücktheiten zu einer objektiven Subjektivität, zu einer wirklich entrückten Selbstwahrnehmung wird. Diese kommt in allem zu sich, was ihrem Erlebensdrang zur Natur geworden ist, zu einer Natur, die sich aus dem natürlichen Schein des Selbsterlebens bildet, in welcher alle persönlichen Eigenschaften nun selbst sich als rein natürliche und übernatürliche Eigenschaften der Menschen verhalten. Darin allerdings wird eine Kultur vollzogen, welche die Inhalte, die sie gesellschaftlich in Beziehung hat, von der Form dieser Beziehung vollständig beherrscht und ausgetauscht wird. Alles, was an den Menschen als natürlich wahrgenommen und empfunden wird, vermittelt sich als Erlebniswelt, in der sich die Menschen in ihren Reizen, die sie füreinander haben, zunehmend austauschen. Es geht hier also um die Erlebenswelt einer gigantischen Selbsttäuschung.

Die ausschließlichen Sinnesbeziehungen hatten ihre Schranke in ihrer Verrücktheit, welche als verrückende Wirkung ausgeschlossener Sinne in den Menschen hervortitt. Sie waren innerhalb ihrer geborgenen Verhältnisse noch vollständig abhängig voneinander und erfahren jetzt, dass sie darin zu einer Sache füreinander geworden sind. Es waren zwar schon herrschende Wahrnehmungen, herrschende Gefühle und herrschende Empfindungen im Ganzen von zwischenmenschlichen Lebensverhältnissen, die in aller Heimlichkeit und Heimeligkeit entstanden waren. In ihrer Verrücktheit waren sie aber nur dann aus den Menschen heraus wirksam, solange diese sich aus jenen geborgenen Lebensverhältnissen heraus wirklich zu anderen Menschen verhielten, die sie als Teil ihrer Lebenswirklichkeit annahmen und sich von daher entbergen mussten. So war das Verborgene, der ausgeschlossene Sinn, wirklich mächtig geworden.

Die Kultur des Erlebens, die Veranstaltungskultur wird nun selbst zu einer veranstalteten Kultur, zu einer Kultur, worin alle subjektiven Inhalte sich mit ihrer öffentlichen Gestalt eintauschen und von daher nun wirklich objektiv erscheinen. Das Persönliche überwindet seine verrückt gewordene Selbstverwirklichung darin, dass es sich über seine Not hinwegtäuscht und nun wie eine öffentliche Person funktioniert. Es kehrt sich damit alles von innen nach außen und die Menschen in solchen Verhältnissen erleben ihre Äußerlichkeit notwendig als Bedingung ihrer Subjektivität, als notwendige Kompression, als Verdichtung ihrer persönlichen Belange. Diese Verdichtung wird zur Dichte einer Oberflächlichkeit, die davon lebt, dass darin alles als Form jede Beziehung der Menschen übersteht. Es ist eine ästhetische Welt der Selbstüberzeugung, worin der Selbstwert selbst zu einem äußerlichen Medium entsinnlichter Sinneswelten wird. Die Einverleibung wird total. Die Gespaltenheiten zwischen Empfindungen und Gefühlen, welche die Selbstwertigkeiten überbrücken sollten, wird nun selbst zu einer Gewalt der Symbiose, welche die Ästhetik ihrer Beziehungen hergibt. In der Ausgrenzung von Sinn wird selbst eine im Grunde unsinnige Gewalt entfaltet, in der alles schlichtweg sinnlich erscheint, nur weil es Sinn im Ausgegrenztsein hat.

Durch die Allgemeinheit dieser persönlichen Sinneswelten wird jede Intimität zur Promiskuität, alles private nun auch unmittelbar gesellschaftlich. Kurzum: Der persönliche Ausdruck wird zu einer öffentlichen Persönlichkeit. Bei aller Privatheit ihres persönlichen Seins bleibt die Persönlichkeit als Mensch eben doch immer noch gesellschaftlich und das Gesellschaftliche erweist sich in dieser Form zugleich als höchst privat, als Raub an der menschlichen Natur. Seine Gesellschaftlichkeit erweist sich in seinen Gefühlen für andere, die er wahr hat, oft auch im Verborgenen als Überfall einer Beziehungssehnsucht oder einer Verliebtheit oder dergleichen mehr. Darin bewahrheitet sich, dass die private Persönlichkeit es trotz ihrer egozentrischen Selbstreflexion immer auch nötig hat, ihre abgetrennte Individualität abzustreifen und ihrer Gesellschaftlichkeit zu folgen. Gefühle können zwar ohne Wirklichkeit sein, nie aber sind sie deshalb schon ohne Gesellschaft. Diese ist Grundlage von allem, was die Menschen als ihr Leben wahrhaben und bleibt der Sinn für ihre individuelle Lebensgestaltung - nicht als objektive, ihnen äußerliche Kultur, sondern als Wesen ihrer Lebenszusammenhänge, auch wenn sich diese ihnen entäußern und von einem ihnen fremdes Wesen bestimmt werden, einen abstrakt menschlichen Sinn erfüllen und seinen Notwendigkeiten folgen müssen. Und weil dies ihre wirklichen Lebenszusammenhänge ausmacht, tun sie das freiwillig. Als Persönlichkeiten, die in dieser Kultur geworden sind wie sie sind, treten sie jetzt selbst zwischenmenschlich auf, beziehen sich wirklich über das Menschliche, was zwischen ihnen ist. Es ist dabei gleichgültig, ob sie übersehen, dass sie sich hierbei nicht mehr unmittelbar menschlich verhalten, sondern sich selbst als menschliches Verhalten vermitteln. In jedem Fall tun sie es. Solches Verhalten wird somit zum Mittel der Kultur, zur Vermittlung des durch die Selbstwahrnehmung der Menschen bestimmten Menschseins zum Zwischenmenschlichen. Der "Zwischenmensch" tritt als Kulturpositionen der Gattung Mensch auf, als das kulturell bestimmte Dasein von Mann und Frau und Kind, wie es sich zwischen Menschen vermittelt.

Die Selbstgefühle erscheinen auf diese Weise nun als Gefühl des gemeinen Menschseins. als ihre menschliche Natur, als Sinn, den die Menschen haben, nur um sinnlich zu sein. Alles was an ihnen Sinn hat, bestimmt nun den Sinn ihrer Verhältnisse, also die Verhältnisform ihrer Sinnlichkeit. Ihre kulturellen Gepflogenheiten werden zur Verhältnisform ihrer Sinne, also zu dem, worin sie sich in kulturreller Absicht natürlich aufeinander beziehen, ihre Kultur als ihre Natur erfahren. Aus ihrer Kultur entsteht somit eine zweite Natur, welche in der Form ihrer ersten Natur, in ihren organischen Beziehungen selbst erscheint. Aus allem, was die Menschen von Natur aus sind, wird zu einer Natur, worin sich ihre Kultur behauptet, worin sie also jene Natur wieder zu finden meinen, die sie vor aller Kulturbildung aufgehoben hatten. Ich Kulturverhältnis erscheint somit als ein naturnotwendiges Verhältnis ihrer Natur in den Gegebenheiten ihrer Kultur.

Nun geht es um eine ganze Kultur herausgetretener Selbstwahrnehmung, die nur dadurch nicht mehr wirklich verrückt ist, weil sie sich über ihre eigene Verrücktheit zu täuschen versteht, weil sie sich eben zu einer Bühne der Kultur macht, die dem Überleben schlechthin dient, vor allem aber auch dem Überleben von wirklichen Lebensverhältnissen, die sich den Menschen entzogen haben und von daher nicht mehr verlässlich sind.

Die Menschen müssen sich nun auf eine Kultur verlassen, in welcher sie als verlassene Menschen miteinander auskommen, da diese zur Versinnlichung ihrer verlassenenen Wirklichkeit wird. Das isolierte Sinnesverhältnis der Selbstwahrnehmungen war immerhin noch sinnlich, das verlassene Sinnesverhältnis erscheint hiergegen sinnlos. Von da her erscheint das Leben darin ert mal zerrissen und es muss eine Form gefunden werden, durch die es sich beherrschen lässt und sich durch Selbstbeherrschung überleben kann. Alles, was dem Leben dient, wird daher jetzt zum Mittel des Überlebens von dem Leben, das in sich zerrissen ist. Und so gerät auch jede Lebensäußerung selbst zum Überlebensmittel.

Zerrissenheit erzeugt Löcher. Und die Löcher im Selbstbewusstsein erzwingen Handlungen, die sich nicht wirklich erklären lassen, weil sie nur dem dienen, nicht so verrückt zu erscheinen, wie man ist. Hegel hatte das trefflich formuliert als er schrieb: "Ein geflickter Strumpf mag besser sein, als einer mit Loch. Nicht so das Selbstbewusstsein". Aber um das geflickte Selbstbewusstsein geht es hier - zumindest was die Selbstwahrnehmung betrifft.

Für sich steht die Selbstwahrnehmung der Menschen nun ganz im Mangel ihrer Empfindungen, im herstellen müssen von Empfindung, um nicht an der Selbstaufhebung ihrer Gefühle zugrunde zu gehen. So verkehrt und mächtig wie die Sinne in ihrer Verrücktheit waren, so sinnlos wird nun ihre verkehrten Form. Sie selbst wird zur Lebensform einer Perversion, in welcher nun auch das ganze zwischemenschliche Lebensverhältnis sich durchsetzt und sich wie eine Bühne des Lebens vom Parkett aufs Podium begibt. Alles, was auf seinem eigenen Boden nicht mehr leben kann, wird auf der Bühne der bürgerlichen Kultur nun zum Herrn über sein Leben, zum Beherrscher seiner Rollen und zum Dramaturg seines Lebens, das wie eine große Vorstellung nun geschehen muss.

Die totale Vereinzelung menschlicher Sinnlichkeit, welche in den Lebensburgen des Zwischenmenschen wirklich geworden wahr, strebt nun nach einer Aufhebung, die aber innerhalb der Selbstwahrnehmung nicht konkret werden kann. Sie ensteht in der Masse, welche die Dichte der Einzelnen erhöht. Masse ist ja nichts anderes, als die Dichte der totalen Vereinzelung, also die wirklich und wirksam gewordene Vereinzelung der Lebenszusammenhänge. Diese kann daher zunächst nur als Dekadenz auf die Welt kommen, aus der Unmöglichkeit eines wirklichen Menschseins in einer Kultur, welche keine menschliche Form haben kann, welche also selbst formbestimmt ist.

Aus der Haltung gegen die Dekadenz verrückter Sinne entsteht die Sitte, die der pervertierten Selbstbehauptung eine kulturelle Selbstbehauptung entgegen hält und die sich schließlich zu einem übernatürlichen Sinn entwickelt, zu einem Sinn, der so natürlich erscheint, wie er über die Natur verfügen muss, in welcher sich die Sinne verstellen. Alle Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung hat nur noch Sinn, wenn sie auf dem Podium erhabener Kulturzusammenhänge funktioniert, wenn die Rolle beherrscht wird und der Auftritt hinreichende Prominenz erfährt.

Die Lebensbühnen werden zu einer eigenen Lebensmacht, die zunächst als eine Art Parallelwelt sich entwickelt. Was in den gewohnten Lebensverhältnisse ohnmächtig geworden war, war als Macht der Gewohnheit blendend und wird nun vor allem dadurch mächtig, dass sich die Menschen in Masse danach ausrichten und zurichten. Der Gegensatz von Masse und Elite entwickelt sich hierbei zu einem Widerspruch der Kultur als Ganzes, als Verhältnis von Massenkultur und Hochlkultur. Dieser verläuft über das Brauchtum bis hin zur Religion, worin sich die Selbstwahrnehmung zu einer abstrakt allgemeinen Herrlichkeit in einer gemeinsamen Göttlichkeit erhebt, die zum Inbegriff allen Lebens wird. Es ist Gott als Übermensch, der die Kultstätten der Selbstüberhöhung stiftet und worin alles zum Kult wird, was in Wirklichkeit nicht leben kann: Zelebration des Übermenschen.

Natürlich gibt es keine wirkliche Übermenschlichkeit, aber es gibt eine Wirkung des Ungelebten, nicht des noch Ungelebten, sondern des schon Ungelebten: Die Sehnsucht des verlassenen Teils nach dem Ganzen, von dem es sich ausgeschlossen fühlt. Die Unwahrheit, die im wirklichen Ausschluß und der ausschließlichen Existenz des Eingeschlossenen erzeugt ist, kann zu keiner Wahrheit gelangen. Seine existenzielle Unwahrheit erscheint deshalb nun als Streben nach einer Täuschung durch ein abstraktes Ganzes, durch eine übermenschliche Lebensqualität, deren Existenz schlicht unterstellt werden muss. Es wirkt das Ungelebte durch Eindrücke der Wahrnehmung, die keinen Ausdruck gefunden hatten und die deshalb selbst nur als übermächtiger Eindruck sich verwirklichen und in der Wirklichkeit sich auch nur als Macht des Eindrucks durchsetzen können. Solche ausdrückliche Eindrücke verlangen nach reinen Formen, nach Ästhetik. Darin wird der Mangel des Gelebten dem Leben selbst entgegengehalten als eine Form, wie es gelten soll, wie Leben in Reinform sein soll.

Aus diesem Sollen entwickelt sich der Wille zur Form, der ästhetische Wille, der durch seine Prominenz allgemein wird und sich als Sendung des Allgemeinen darbietet. Darin verdichtet sich die Seele der betroffenen Menschen selbst durch das Zusammenfügen der ästhetischen Form zu einer Seelenmasse, die über sich selbst hinausstrebt und zu einer Volksseele wird. Diese betreibt den Untergang jeder orivatren Seele, indem sie ihr jede Selbstwahrnehmung entzieht, ihr alle eigenen Gefühle und Empfindungen nimmt und in ihrer Allgemeinheit als Anteil einer Volksgesinnung zurückgibt. Im Zusammenleben dieser entsteht ein Untertanengeist, der sich mit Tittytainment leicht erhalten lässt.

 

Weiter mit Buch III: 310. Einleitung in die Sittlichkeit als Natur des gewohnten Menschseins