Situationistischeinternationale

Aus kulturkritik

Wir meinen zunächst, da&ß die Welt verändert werden mu&ß. Wir wollen die grö&ßtmögliche emanzipatorische Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in die wir eingeschlossen sind. Wir wissen, da&ß es möglich ist, diese Veränderung mit geeigneten Aktionen durchzusetzen. (Guy Debord , Rapport zur Konstruktion von Situationen)

Eine Gruppe innerhalb der internationalen Lettristen (eine französische Gruppierung von KünstlerInnen, die sich 1945 gegen Mystizismus gewendet hatten) nahm 1956 in Alba aktiven Anteil am Ersten Welt-Kongress der Befreiten Artisten mit dem Slogan 'Die Internationale Bewegung für ein Imaginäres Bauhaus'. Sie veröffentlichten in der Zeit von Juni '54 bis November '57 29 Nummern ihrer Zeitschrift Potlatch. Die letzte Ausgabe trug den Untertitel 'Bulletin d'information de l'internationale situationiste'.

Die internationalen Situationisten wollten die Transformation der Welt in eine, welche sich in einem konstanten Status der Revolution und Erneuerung befindet, etwa wie dies F.T. Marinetti ein halbes Jahrhundert in seinem Manifesto of Futurismo vorgeschlagen hatte. Die zwei Hilfsmittel mit denen die Transformation ausgeführt werden sollte, waren Zweckentfremdung und Umherschweifen. In ihrem 56er Essay schrieben Guy Debord und Gil J. Wolman: 'Die Zweckentfremdung ist ein Ersatz für die Kunst und Umherschweifen ersetzt die Arbeit'.

1962 veröffentlicht Guy Debord The Society of the Spectacle, ein Buch welches Ideen von Philosophen wie Sartre, Lukâcs und Urbanisten und Lewis Mumford beinhaltet. Es war eine Collage aus Dadaismus, Anarchismus und Existentialismus. Debord argumentierte: 'Die Welt zu einer sinnlichen Erweiterung des Menschen zu machen als die Menschen zu einem Instrument einer entfremdeten Welt, ist das Ziel einer situationistischen Revolution. Für uns ist die Rekonstruktion des Lebens und der Wiederaufbau der Welt ein und dasselbe Begehren. Um dies zu erreichen ist die Taktik der Subversion von Schulen, Fabriken, Universitäten auszudehnen um das Spektakel direkt zu konfrontieren. Schnelle Transportsysteme, Einkaufszentren, Museen wie auch die neuen Fromen von Kultur und Medien müssen als Ziel von skandalösen Aktivitäten in Betracht gezogen werden.' Das Buch aktualisierte die Kritik des Alltags-Lebens mit der Beschreibung von Nachkriegs-Bedingungen, in der die Bevölkerung durch ein einheitliches Medien-System, welches Fernsehen, Zeitungen, POP-Musik und Kultur umfasst, gefesselt werden.

'Kultur wandelte sich vollständig in Gebrauchsware', schrieb Debord in aphorism number 193, 'muss dementsprechend zur Spitzen-Ware der spektakulären Gesellschaft werden. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wird die Kultur eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Gesellschaft einnehmen, eine Rolle welche die Automobile in der ersten Hälfte, und die Eisenbahnen in der zweiten Hälfte des vergangen Jahrhunderts spielten.' Wobei aus heutiger Sicht die Rolle des Werkzeuges in dieser Entwicklung der Computer einnimmt.

Die SI hatte in den zehn Jahren ihrer Existenz rund 70 Mitglieder, einige von ihnen waren neben Guy-Ernest Debord: Michêle Bernstein (F), Christopher Gray (UK), Jaqueline de Jong (NL), Asger Jorn (DK), Dieter Kunzelmann (D), Guiseppe Pinot-Gallizio (I), Alexander Trocci (UK), Raoul Vaneigem (B), u.a.

Während den 60er fanden die SI Produkte und Ideen ihren Weg auch in andere Länder, z.B. auch in die Antiautoritäre Bewegung der deutschen Studenten. In England fand im September 1960 die vierte Konferenz der SI statt. Dabei waren auch britische Mitglieder, wie der schottische Dichter und Beat-Literat Alex Trocci. Innnerhalb ihrem eigenen Umfeld waren die situationistischen Ideen ein Teil der aktuellen Pop-Kultur, eine philosophische Aktualisierung der Pop-Art. Eine erste englische Antwort auf die SI war im Juli 1996 die erste Nummer des Magazins Heatwave. Es enthielt Material der Provos in Amsterdam und von amerikanischen Anarchisten-Publikationen wie Rebel Worker. Einige der Schreiber inklusive co-Editor Christopher Gray bildeten ein Jahr später ihre eigene Gruppe King Mob und veröffentlichten ihr Magazin King Mob Echo. Einige Kunst-Studenten mit den Namen Malcom McLaren, Jamie Reid und Fred Vermorel waren ebenfalls in einzelne Aktionen der Gruppe involviert.

Die erste grosse Chance für die SI entstand 1966 an der Strasbourg Universität. Fünf pro-situationistische Studenten gründeten eine Gesellschaft zur Würdigung des Anarchismus, infiltrierten die Studenten-Vereinigung, verwendeten die Gelder der Vereinigung für situationistisch inspirierte Plakate und luden die SI ein eine Kritik über die Universität und der Gesellschaft im Allgemeinen zu schreiben. Das resultierende 28-Seiten Pamphlet DE LA MISERE EN MILIEU ETUDIANT / On the Poverty of Student Life wurde erstellt um die Gehorsamkeit gegenüber Familie und Staat zu beenden:

Die Universität ist zu einer -institutionalisierten- Organisation der Ignoranz geworden; während die 'hohe Kunst' im Takt der Serien-Produktion durch die Professoren aufgelöst wird, welche alle ohne Ausnahme Idioten sind. (aus einem Pamphlet situationistischer Studenten zur Eröffnungs-Zeremonie des akademischen Jahres in Strasbourg)

Mit den Gelder der Studenten-Vereinigung wurden 10'000 Kopien desPamphlets gedruckt und an der offiziellen Eröffnungs-Zeremonie des akademischen Jahres in Strasbourg verteilt. Die Reaktion war ein Aufschrei der Empörung. Die Presse verurteilte die Aktion als eine Aufhetzung zur Gewalt. Die verantwortlichen Studenten wurden von der Universität ausgeschlossen und die Studenten-Vereinigung durch ein Gerichts-Urteil aufgelöst.