Wertabspaltungstheorie

Aus kulturkritik

Die Wertabspaltung ist das allgemeine und übergreifende Formprinzip der kapitalistischen Gesellschaft. Die von der kritischen Theoretikerin Roswitha Scholz als Begriff eingeführte Wertabspaltung begründet, dass das patriarchale Geschlechterverhältnis in der modernen kapitalistischen Gesellschaft nichts zufälliges und kein Überbleibsel vormoderner Gesellschaftlichkeit ist, sondern zum Wesen dieser Gesellschaft als ganzer gehört.

Die gesamte kapitalistische Gesellschaft ist dadurch geprägt, dass neben den „offiziellen“ Formen der Produktion, der Kultur und des Bewusstseins weitere, von diesen abgespaltene Bereiche, Sphären und Momente existieren, die im Bild der Gesellschaft von sich selbst praktisch nicht vorkommen, nichtsdestotrotz wesentlichen Anteil an der Aufrechterhaltung und am Fortbestand dieser Gesellschaft besitzen. So findet nur scheinbar alle Produktion im Kapitalismus als Warenproduktion, als Produktion von Waren für den Markt und zur Erzeugung von Mehrwert, statt. Tatsächlich ist ein großer Teil der gesellschaftlichen Reproduktion davon abgetrennt (abgespalten): Die Erziehung von Kindern, Pflege, Haushaltstätigkeiten wie Putzen, Essen kochen etc., aber auch alle Tätigkeiten, die eine persönliche Zuwendung zum Inhalt haben, bis hin zur Sexualität, werden in die Privatheit und an Frauen delegiert. Dabei ist es gerade Bedingung dafür, dass das Kapital den vollen Zugriff über den (männlichen) Lohnarbeiter erlangt, dass derartige Tätigkeiten von anderen, von Nicht-Lohnarbeitern, in der kapitalistischen Moderne von Frauen, übernommen werden. Es ist Aufgabe einer Theorie dieser Gesellschaft, diese widersprüchliche Einheit zu reflektieren: (kritischeperspektive.de)

Die Wertabspaltungstheorie fomuliert einen Begriff der so genannten Wertkritik, der die über die fetischistische Selbstbewegung des Geldes und dem Selbstzweckcharakter der abstrakten Arbeit im Kapitalismus hinausgreift und sich seinem System entziehen würde.

Vielmehr findet eine geschlechtsspezifische „Abspaltung“ statt, die mit dem Wert dialektisch vermittelt ist. Das Abgespaltene ist kein bloßes „Subsystem“ dieser Form (wie etwa der Außenhandel, das Rechtssystem oder auch die Politik), sondern wesentlich und konstitutiv für das gesellschaftliche Gesamtverhältnis. Das heißt, es besteht kein logisch-immanentes „Ableitungsverhältnis“ zwischen Wert und Abspaltung. Die Abspaltung ist der Wert und der Wert ist die Abspaltung. Beides ist im anderen enthalten, ohne deshalb jeweils mit ihm identisch zu sein. Es handelt sich um die beiden zentralen, wesentlichen Momente desselben in sich widersprüchlichen und gebrochenen gesellschaftlichen Verhältnisses, die auf demselben hohen Abstraktionsniveau erfasst werden müssen.“ (Roswitha Scholz 2011: Das Geschlecht des Kapitalismus, S. 21)

Dem vorausgesetzt ist ein Arbeitsbegriff, der sich nicht vollständig mit dem Begriff einer gesellschaftlich notwendigen Arbeit formulieren ließe, weil Arbeit selbst schon ein unmittelbares Ausbeutungsverhältnis darstellen würde. Weil Arbeit überhaupt schon eine kapitalistische Bestimmung sei, könne man ihren Wert nicht erst durch die Warenproduktion begründen. Jede Arbeit sei schon eine Mehrarbeit, die im Zeitalter der industriellen und technischen Revolutionen durch Automation überflüssig wäre. Von daher ließe sich ihr Wert nurmehr als fixe Idee einer verrückten bzw. verkehrten Produktionsweise begründen, die sich in der widersprüchlichen Einheit aller gesellschaftliche Momente darstellen lassen muss. Von daher sei der Wert selbst die nichtigen Bestimmung. einer Gesellschaft, die sich über desssen Verwertung selbstbezüglich entwickeln würde. Daher stellt ein Wert an und für sich keinen Reichtum, sondern eine bloße Gedankenabstraktion dar. Wert ist die Formulierung einer wechselseiteigen Beziehung, die in ihrer Wirklichkeit weder für den einen noch für den anderen greifbar, also ihrem Begriff nach nichts ist, also nur als eine Abstraktion von sich für sich existieren kann, die durch ihre Bewertung alles zu sein versprechen würde.

Tatsächlich kann Wert nur haben, wenn etwas als menschliche Beziehung ungewiss ist, zugleich aber in einer sachlichen Beziehung als Mittel eines ihm äußerlichen Zwecks nötig ist. Wert entsteht, wo eine konkrete Vermittlung fehlt, wo etwas nicht wirklich da ist, was für ein bestimmtes Verhältnis notwendig da sein muss, was zwar in seiner Einzelheit da, in seiner Allgemeinheit aber konkret abwesend ist. Wert hat das Ding oder auch ein Urteil oder eine Bewertung überhaupt nur, wo etwa im Wesentlichen nicht als das da ist, was es konkret sein müsste - wo etwas in Wahrheit nicht durch sich und seine Eigenschaften unmittelbar da ist, sondern sein Dasein in Wirklichkeit nur vermittelt sein kann.

Aber gerade deshalb kann Wert sich nicht in eine abgetrennte Welt abspalten lassen. Er muss gesellschaftlich hergestellt, erarbeitet werden, um Wirklichkeit zu erlangen, um wirklich da zu sein. Wert stellt also substanziell schon eine Arbeit dar, die zwar gesellschaftlich bestimmt ist, aber nur privat als Produkt existiert. Sie ist nicht gesellschaftlich in den Gebrauchswerten gegenständlich, worin sie zwar als nützliche Arbeit konkret existiert, aber nicht wirklich gesellschaftlich ist, also im Allgemeinen ungesellschaftliche, abstrakt menschliche Arbeit darstellt. Und von daher hat hat der Wert der Waren als Produukte jegliche Subjektivität, die ihm die Beziehung auf ihren Gebrauchswert anscheinen lässt, verloren (siehe den Unterschied von Arbeitswerttheorie und Grenznutzentheorie).

Da der Reichtum der bürgerliche Gesellschaft auf Warentausch beruht, erscheint Arbeit nur als Wertgröße im Tausch der Produkte. Ihre Bewertung macht sich durch das Tauschverhältnis eigenständig zu einem Wertsystem, das eigene Notwendigkeit hat, in der die Menschen zu Objekten ihrer Sachen werden, in denen ihr gesellschaftliches Verhältnis ihnen fremd ist, weil es alleine als Verhältnis ihrer Sachen wirklich ist und ihnen auch als solches gegenübertritt (s.a. Entfremdung, Warenfetisch). In der systematischen Beziehung der Wertdinge als Tauschwerte, wird der Tauschwert zu ihrer ausschließlichen gesellschaftlichen Form. Dieses System fasst sich im Geld zusammen, das den allgemeinen Zusammenhang der Warengesellschaft ausmacht. In ihm hat der Wert seine einfache Wirklichkeit als Begriff seiner Form (Formbestimmung). Und aus seinen Verhältnissen bildet sich ein objektives Subjekt, das alle Verhältnisse der Menschen bestimmt: Kapital. Als Subjekt des Werts kehrt es seine Herkunft aus der abstrakt menschlichen Arbeit und aus dem Quantum der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit um und verwirklicht sich in allem als Wertbestimmung des Kapitalverhältnisses (das Verhalten des Kapitals zu sich selbst) und der Preisbildung je nach der Abhängigkeit aller organischen Verhältnisse von ihm (siehe Klassenkampf).

Das Geld wird selbst zu Kapital, indem es dadurch mehr Geld wird, dass es Waren bildet, die mehr Wert sind, als ihre Erzeugung an Wert hat. Dies aber nicht weil sie Mehrwert sind (das wäre eine Tautologie), sondern weil sie den Mehrwert bei ihrer Veräußerung erfahren, welche das Mehrprodukt innerhalb eines Kapitalumschlags für den menschlichen Reichtum darstellt .

Letztlich ist das Wertquantum selbst überhaupt nur Zeit und der Wertzuwachs der Sachen ist die Zeitverkürzung für die Menschen. Was das Kapital an Wert gewinnt durch Ausbeutung des Arbeitstags und Steigerung der Umlaufgeschwindigkeit seiner Selbsterneuerung, das verlieren die Menschen an Leben: Es wird kurzlebig. Sobald sich die lebendigen Ressourcen für den Wert erschöpft haben, kehrt er sich in eine negative Wertbestimmung, in eine Negativverwertung (siehe auch Vernichtungslogik).