Schande
Wo Fehler gemacht werden sind sie begründet und können mit der Aufhebung ihrer Gründe auch behoben werden, sind also kein Grund zur Schande. Schande ist eine Selbstbezichtigung vom Standpunkt einer Blamage gegen einen Lebenswert, Sie ist die sittlich Konsequenz einer herabgewürdigten Selbstveredelng, einer widersinnigen Hochachtung des ästhetischen Willens einer Selbstbeziehung, Ausdruck eines verselbständigten Geltungsstreben des Kulturbürgers gegen die Wirklichkeit seines Versagens. Sie ist die Ächtung eines Verhaltens durch die Sitte einer übersinnlichen Gemeinsinns, die Verachtung einer Tat vom Standpunktein einer untätigen Kultur, die ihre Sittlichkeit hiergegen behauptet, um seinen widersinnigen Edelmut gegen die gewöhnliche Selbstwahrnehmung hervorzukehren. Schande ist Ausdruck eines Klassenbewusstseins der Kultürbürger, das seine Widersinnigkeit verbergen muss, dessen Triumph gegen ein sich selbst fremdes, gegen ein entfremdetes Leben, das die Widersprüche seiner Ohnmacht offenbaren muss.
Schande ist der Entzug von Achtung, die alle Menschen dieses Gemeinwesens beanspruchen, ist also de facto die Entsozialisierung eines Menschen oder seiner Taten aus einer übergeordneten Gemeinschaft oder einer übergeordnet behaupteten Sittlichkeit. Sie führt zur Verwerfung des Betroffenen - es sei denn, er ist in der Lage, die behauptete Sittlichkeit zu bezweifeln und zu kritisieren und damit sie für sich und vor allen allgemein zu verwerfen.